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Zukunft & Beitragsanpassungen



Die Entwicklung bei den gesetzlichen Kassen verläuft derzeit ziemlich dramatisch. Nachfolgend einige alte Presseinfos.

Den neuesten Stand können Sie unter "Das Letzte" nachlesen.


Zukunft der Krankenversicherung  (HNA vom 16. Juli 2001, dpa)

Schmidt zankt mit Müller

In der Bundesregierung gibt es Streit um die Zukunft der Krankenversicherung. Bundeswirtschaftsminister Werner Müller (parteilos) will nach dem Vorbild der Rentenversicherung auch die Kranken- und Pflegeversicherung durch private Vorsorge ergänzen. Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) lehnt dies entschieden ab.

Nach Meinung Schmidts würde das Modell von Müller die "solidarische Kranken- und Pflegeversicherung zerstören". Außerdem entspreche dieser Vorschlag nicht der Koalitionsvereinbarung und sei nicht die Auffassung der Regierung, sagte die Ministerin. "Die Kranken- und Pflegeversicherung ist komplizierter und funktioniert anders als Angebot- und Nachfrage in der Wirtschaft." Auch die stellvertretende DGB-Chefin Ursula Engelen-Kefer forderte, am System der Beitragsfinanzierung festzuhalten. "Wir haben mit den vor allem über Beiträge finanzierten sozialen Sicherungssystemen gute Erfahrungen gemacht. Das muss auch so bleiben." Kritik kam auch von der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE). IG-BCE-Vorsitzender Hubertus Schmoldt warf Müller vor, das Risiko künftiger Erhöhungen der Krankenkassenbeiträge allein auf die Arbeitnehmer abzuwälzen. Die persönliche Vorsorge wäre der Schritt in die Zwei-KIassen-Medizin.

Im "Wirtschaftsbericht 2001", den Müller morgen vorlegen will, schlägt der Minister nach Angaben der "Berliner Zeitung" vor, die Arbeitgeberbeiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung den Arbeitnehmern als Lohn auszuzahlen. Diese Mittel müssten für den Aufbau einer privaten Vorsorge genutzt werden. Müller erhielt Unterstützung vom Vorsitzenden der Ärztevereinigung Marburger Bund, Frank Ulrich Montgomery: "Wir müssen weg von dem Umlageverfahren mit dem ganzen Generationenbetrug, der darin steckt."

Persönliche Anmerkung des Webmasters

Wenn Herr Schmoldt meint, "die Entwicklung wäre ein Schritt in die Zwei-Klassen-Medizin", so scheint er nicht ganz auf dem Laufenden zu sein. Wir haben bereits diese Zwei-Klassen-Medizin. Wenn das Solidaritätsprinzip wirklich von allen getragen würde, gäbe es nicht die Möglichkeit, dass sich z.B. Beamte, Selbständige und Besserverdienende privat versichern können. Wenn andererseits die in den Solidartopf gezahlten Beiträge marktwirtschaftlich orientiert verwendet würden, würde das Solidarprinzip vielleicht auch funktionieren. Solange jedoch Glaspaläste und riesige Verwaltungswasserköpfe von den "Gesetzlichen" errichtet und gepflegt werden und dies alles z.B. durch eine Budgetierung und Minimalisierung der Leistungen finanziert wird, kann und wird das erstrebte Solidarprinzip niemals erreicht werden.

Die Wortwahl "Generationenbetrug" des Herrn Montgomery trifft deswegen den Kern der Sache exakt.

Wer jetzt zukünftige amerikanische Verhältnisse befürchtet, ist auf dem Holzweg. Deutschland und die USA sind politisch, wirtschaftlich und mental überhaupt nicht vergleichbar. In der Konsequenz müssten allerdings die "Privaten" gesetzlich verpflichtet werden, jeden, also auch bereits Kranke in einem gemeinsamen Tarif zu versichern, der die Leistungen der jetzigen "Gesetzlichen" hat. Das würde den Privaten sicher weniger gefallen. In der Gesamtbilanz dürften jedoch die erzielbaren Gewinne immer noch immens sein.

Ein anderer denkbarer Weg wäre die Privatisierung der gesetzlichen Krankenkassen. Dabei dürften selbstverständlich nicht die Fehler gemacht werden, die z.B. bei der Bahn gemacht wurden. Das Bahnmonopol besteht trotz Privatisierung de facto ja weiterhin, mit all seinen "beamtischen" Auswirkungen.

Herr Müller ist auf dem richtigen Weg und ich wünsche ihm, dass er dabei nicht umfällt. Der "Gesetzlichen" prognostiziere ich, unabhängig vom Erfolg oder Misserfolg des Wirtschaftsministers, nur noch wenige Jahre des Überlebens. Anmerkungen siehe auch hier.


Kein Mut zur durchgreifenden Therapie  (HNA v. 09.09.2001)

Kurzatmige Kostendämpfungspolitik hilft nicht wirklich.

Der Patient Krankenversicherung, sagt Ärztefunktionär Frank Ulrich Montgomery, wird immer kränker. Das Gesundheitswesen ist zu einer Dauerbaustelle geworden. Das Tempo der Gesetzgebung zieht an, immer kurzlebiger werden die Gesetze, immer öfter muss der Gesetzgeber echten oder vermeintlichen Fehlentwicklungen entgegensteuern. Dabei sind die Probleme sehr oft hausgemacht: Im Moment leiden die Krankenkassen an chronischer Schwindsucht, weil die Politik ihnen ungeniert in die Taschen greift.

Zur Sanierung der Arbeitslosen- und der Rentenversicherung werden der Krankenversicherung Milliarden entzogen, der erfolglose Kampf gegen die Arbeitslosigkeit belastet die Krankenversicherung doppelt. Arbeitslose brauchen mehr Leistungen und zahlen weniger ein, neue Leistungen werden vom Gesetzgeber beschlossen - ohne gleichzeitig für mehr Einnahmen der Krankenversicherung zu sorgen. Dabei wird eines immer klarer. Diese kurzatmige Kostendämpfungspolitik kann letztlich keine Sanierung des Systems bewirken.

Der Patient Krankenversicherung wird immer kränker, bald liegt er auf der Intensivstation. Der Politik fehlt der Mut zu einer wirklichen Therapie. Es bewahrheitet sich der alte Satz, dass Politiker nicht geeignet sind, einen Deichbruch zu vermeiden, wohl aber ihn, wenn der Deich gebrochen ist, zu managen. Es ist entwaffnend naiv, wenn die Bundesgesundheitsministerin in ihrer Pressekonferenz zugibt, sie habe kein Konzept, das Defizit zu beherrschen. Dennoch wird es sicher bald wieder ein Kostendämpfungsgesetz geben. Kanzler Schröder kann 2001 nicht mit fünf Milliarden DM (2,56 Milliarden Euro) Defizit der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) in den Wahlkampf gehen. Das Risiko ist zu groß, dass aus diesem Defizit schnell 15 Milliarden im Wahljahr werden.

Wichtiger aber ist die langfristige Systemkorrektur. Das alte Bismarcksche System ist an seine Grenzen gekommen. Umlagefinanzierung, hälftige Arbeitgeber- und Arbeitnehmerbeiträge und unbeschränkter Familienausgleich lassen sich nicht in ein neues Jahrtausend mit globalisierter Wirtschaft, sinkender Lohnquote und zunehmender gesellschaftlicher Entsolidarisierung retten.

Wir brauchen ein neues Krankenversicherungssystem, das privatwirtschaftlich organisiert werden muss. Die Eckpfeiler werden sein:

  • Aufbau einer kapitalgedeckten Krankenversicherung.
  • Versicherungspflicht für alle von Geburt an.
  • Kontrahierungszwang Krankenkassen.
  • Wahlmöglichkeit der Versicherten unter den Kassen unter Mitnahme der Alterungsrückstellung.

Wer sich die Prämie für sich und seine Familie nicht leisten kann, bekommt einen nach Einkommen gestaffelten Prämienzuschuss vom Staat. Nur so wird unsere Krankenversicherung demografieresistent und fortschrittselastisch. Nur so gewinnen wir die Solidarität unserer Kinder. Würde man nämlich unser heutiges System fortführen, müssten unsere Kinder in 30 Jahren Beitragssätze von über 30 Prozent allein in der GKV hinnehmen. Das werden sie nicht tun - sie werden den Generationenvertrag kündigen. Wir müssen ihnen heute die Chance eröffnen, selbst für ihre Zukunft Vorsorge zu tragen. Die Übergangszeit wird dabei das größte Problem. 

Wer heute über 45 oder gar Rentner ist, hat keine Chance mehr, ausreichende Alterungsrückstellungen zu bilden. Etwa 30 Jahre lang werden daher das alte System - mit abnehmender Relevanz - und das neue System -stetig zunehmend - nebeneinander existieren müssen. Das wird zu unsolidarischen Verwerfungen des Sozialsystems führen. Hier können unsere Politiker Tapferkeitsmedaillen beim Erhalt der Qualität unserer gesundheitlichen Versorgung verdienen. Politik braucht Mut: wer nur in Vier-Jahres-Zeiträumen denkt, hat keinen Mut. Er kann vielleicht die nächste Wahl, nie aber die Zukunft gewinnen. Deswegen ist es richtig und wichtig, dass sich die Parteien vor der Bundestagswahl zur Zukunft der GKV grundsätzlich äußern. Dann wird man sehen, wer fortschrittlich ist und wer nur überkommene Traditionen pflegt.

Dr. Frank Ulrich Montgomery (49) praktiziert als Radiologe. Montgomery ist Vorsitzender des Marburger Bundes und Präsident der Ärztekammer Hamburg.


AOK Rheinland-Pfalz: Höhere Beiträge

Mit Mehrausgaben bei Arzneimitteln begründet die Allgemeine Ortskrankenkasse (AOK) Rheinland-Pfalz die Erhöhung ihres Beitragssatzes um 0,5 Prozentpunkte auf 14,6 Prozent, der ab Januar 2002 gültig wird. Die AOK in Rheinland-Pfalz ist damit in einer Vorreiterrolle. Im Laufe der nächsten Woche wollen auch andere AOK's ihre Beiträge erhöhen, und zwar Bayern, Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein, Saarland, Hamburg und Bremen.

Drei weitere große Ersatzkassen werden ebenfalls ab Januar ihre Mitglieder stärker zur Kasse bitten: Die Deutsche Angestellten Krankenkasse (DAK) will statt 13,6 künftig 14,4 Prozent von ihren Mitgliedern, die Barmer Ersatzkasse erhöht von 13,9 auf ebenfalls 14,4 Prozent, und die Techniker Krankenkasse plant, den Beitragssatz um einen halben Prozentpunkt auf 13,7 Prozent zu erhöhen.


HNA v. 23.11.2001

KRANKENKASSEN

Beiträge sollen auf über 14 Prozent steigen

BERLIN • Die Krankenkassenbeiträge werden 2002 erstmals im Durchschnitt voraussichtlich die 14-Prozent-Marke überspringen. Als Folge müssen Arbeitnehmer und ihre Arbeitgeber 2002 wahrscheinlich fast acht Milliarden Mark (4,09 Mrd. Euro) mehr an Beiträgen zahlen. Diese Zahl nannten Kassenvertreter am Donnerstag. Vor allem die Ersatzkassen wollen nach Presseberichten ihre Beiträge drastisch um 0,3 bis 0,6 Prozentpunkte erhöhen. Bei einzelnen Ortskassen drohe sogar eine Anhebung auf knapp 15 Prozent.

Laut „Hannoversche Allgemeine Zeitung“ will die Barmer als größte deutsche Ersatzkasse ihren Beitrag zum 1. Januar 2002 von 13,9 auf 14,4 Prozent anheben. Die Deutsche Angestellten Krankenkasse (DAK) plane eine Erhöhung um 0,6 Punkte auf ebenfalls 14,4 Prozent. Auch die Techniker Krankenkasse wolle ihren Beitrag um 0,3 bis 0,5 Prozentpunkte steigern.

Die drei Ersatzkassen bestätigten, dass sie Ende November über Erhöhungen entscheiden. In Hessen habe der AOK-Beitrag bereits die 14-Prozent-Grenze überschritten. In Niedersachsen will die AOK dagegen ihren Beitrag bis Ende 2002 stabil bei 13,8 Prozent halten.

Hohes Defizit

Die Kassen hatten bereits im ersten Halbjahr 2001 ein Defizit von fast fünf Milliarden Mark erreicht. Schuld waren unter anderem die Arzneiausgaben, die nach der Aufhebung der Arzneibudgets durch Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) hochgeschnellt sind. (dpa)


(HNA vom 22. Juli 2001)

Bald auch private Gesundheitsvorsorge?

Mit seinem Plädoyer für eine Teil-Privatisierung der Krankenversicherung hat Wirtschaftsminister Werner Müller heftige Diskussionen ausgelöst. Während die einen das Aus der vernünftigen Grundversorgung befürchten, sehen die anderen in dem Vorschlag die einzige Möglichkeit, den drohenden Bankrott des Gesundheitswesens abzuwenden.
Besser wirtschaften

KONTRA: Um das Problem in den Griff zu bekommen, müssen die Kosten gesenkt werden, sagt ECKHARD SCHUPETA, Vize-Vorstandsvorsitzender der DAK.
Freiheit statt Bevormundung

PRO: Das Recht, sich selbst eine Versicherung zu suchen, bezeichnet FRANK ULRICH MONTGOMERY als Befreiung. Er ist Vorsitzender des Ärzteverbandes Marburger Bund.
Deutschlands Gesundheitswesen ist weltweit das drittteuerste, qualitativ liegt es aber gerade mal im Mittelfeld. Kaum ein Volk schluckt so viele Pillen wie die Deutschen. Der Verband der deutschen Radiologen vertritt die Auffassung, dass nur rund ein Viertel aller Röntgenaufnahmen notwendig ist. Bei uns werden mehr Linksherzkatheter Untersuchungen und Ballondilatationen zur Erweiterung der Herzkranzgefäße durchgeführt als in den anderen Ländern der Europäischen Union. Diese Liste ließe sich fortsetzen. Sie zeigt, wie unwirtschaftlich das Gesundheitswesen arbeitet. Nur leider mangelt es dem Wirtschaftsminister am Mut, der Ärzte- und Pharmalobby wirklich Paroli zu bieten. Seit der Streichung der Arzneimittelbudgets explodieren die Kosten, ohne dass die Kassen wirksam gegensteuern können. So lässt die Positivliste auf sich warten, und verbindliche Behandlungsleitlinien fehlen.

Müllers Vorschlag, über eine Teilprivatisierung mehr Geld ins System bringen zu wollen, statt seine Unwirtschaftlichkeit zu reformieren, ist völlig abwegig. Er will offenbar Feuer mit Benzin löschen. Wer den Leistungskatalog in Grund- und Wahlleistungen unterteilen will, muss auch sagen, wo und wie. Flotte Schlagworte bringen uns nicht weiter. Schon heute sind die Ärzte nach dem Sozialgesetzbuch auf das medizinisch Notwendige verpflichtet. Doch die Praxis sieht anders aus, weil die Kassenärztlichen Vereinigungen sich mehr um die Honorare der Ärzte kümmern als um ein zeitgemäßes Qualitätsmanagement. Müller überzeichnet außer dem die Folgen der Altersentwicklung. Soll der medizinische Fortschritt finanzierbar bleiben, müssen die Kassen die Möglichkeit erhalten, unternehmerischer handeln zu können. Sie brauchen größere Spielräume für Verträge mit den Leistungsanbietern. 

Die Idee, den Arbeitgeberbeitrag einzufrieren und als Lohnzuschuss auszuzahlen, wäre der Einstieg in die Privatisierung. Wer das gesundheitliche Risiko allein auf die Arbeitnehmer abwälzen will, wird erbitterten Widerstand ernten.

Unsere gesetzliche Krankenversicherung (GKV) garantiert ein hohes Niveau medizinischer Versorgung - diese Qualität zu erhalten, muss Aufgabe aller Politik sein. Wirtschaftsminister Müller hat Recht, wenn er im Wirtschaftsbericht 2000 die Grundlagen der Finanzierung der GKV hinterfragt. Angesichts einer älter werdenden Bevölkerung und rasant weiter entwickelter Medizin ist das bisherige Umlageverfahren, das paritätisch von Arbeitnehmern und Arbeitgebern bezahlt wird, nicht mehr zu halten. Heute finanzieren drei Arbeitnehmer einen Rentner, in wenigen Jahrzehnten ist das Verhältnis 1:1. Daher macht es Sinn, den Arbeitgeberbeitrag jetzt dem Lohn zuzuschlagen. Der Versicherte bekommt dann das Recht, sich seine Versicherung selbst zu wählen. 

Das ist ein wirkliches Freiheitsrecht gegen die heutige Bevormundung durch die Funktionäre der Krankenkassen. Zudem verdienen immer weniger Menschen ihr Geld als "abhängig Beschäftigte" und immer mehr Geld wird von den Wohlhabenden unserer Gesellschaft durch Kapitalzuwachs und Spekulation verdient. Diese Einkommen aber werden durch unser heutiges Verfahren vor der Solidarität geschützt. Das ist zutiefst unsolidarisch. Gerechter wäre es, eine Versicherungspflicht für alle Bürger zu verankern - nicht nur für die arbeitende Bevölkerung. Dazu gehörten dann auch Beamte, Selbstständige und nicht berufstätige Frauen. Die Versicherung kann man frei wählen, der Versicherer muss den Kunden aber aufnehmen. Der Beitrag wird als Prämie kalkuliert, nicht als Teil des Einkommens. Die Versicherer sind verpflichtet, nach versicherungsmathematischen Grundsätzen Altersrückstellungen zu bilden, damit jeder Einzelne individuell mit seinem Kapitalstock finanziell für Alter und Krankheit abgesichert ist.

So kommt man aus der Alterungsfalle genauso heraus, wie aus den Erpressungsversuchen der heutigen Krankenkassen. Weg vom Beitragssatz - hin zu Prämie und Kapitaldeckung: das ist der richtige Ansatz des Werner Müller.


Krankenkassenreform  (HNA vom 28. Juni 2001, Redakteurin Agnes Tandler)

Übrig blieb nur ein Rumpf

Um die Finanzlage zu verbessern, sieht der Gesetzentwurf für die Gesundheitsreform einen gemeinsamen Risikopool aller Kassen für teure Patienten vor. Kritiker sehen dieses System skeptisch.

"Ein Dolch ohne Stiel, an dem die Klinge fehlt" - böse Zungen behaupten, dieses Zitat Georg Christoph Lichtenbergs treffe auch auf die Reform des Finanzausgleichs zwischen den gesetzlichen Krankenkassen zu. Das Kabinett beschloss am Mittwoch einen Reformentwurf, dessen umstrittenster und zentraler Punkt auf Druck der Grünen gestrichen wurde. Übrig blieb nur ein Rumpf. Ursprünglich wollte Gesundheitsministerin Ulla Schmidt für die gesetzlichen Krankenkassen einen Mindestbeitragssatz von 12,5 Prozent festschreiben. Für etwa 3,6 Millionen Versicherte billiger Betriebskrankenkassen (BKK) hätte dies eine Beitragserhöhung bedeutet.

Schmidt wollte dies in Kauf nehmen, um die Wechselei zwischen den Kassen zu drosseln. Denn diese bringt vor allem die großen Kassen in Bedrängnis. Vor allem die Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) und Ersatzkassen klagen, dass junge, gesunde Versicherte in den letzten Jahren zu den oft billigeren BKK abgewandert sind. Bei ihnen verblieben zunehmend alte und kranke Versicherte, deren medizinische Behandlung teuer ist. Das bedeutet einen Treibsatz für die Beiträge. Tatsächlich haben von Januar 1996 bis Juli 2000 rund 2,2 Millionen zahlende AOK-Versicherte die Kasse gewechselt - etwa zehn Prozent bezogen auf die AOK-Mitgliederstärke Anfang 1996. Damit ist auch der so genannte Risikostrukturausgleich der Kassen ins Wanken geraten, der die unterschiedliche Verteilung von kranken und gesunden Versicherten eigentlich finanziell ausgleichen soll. Die Stellschrauben funktionieren aber bisher nicht genau genug, um Beitragssteigerungen bei den großen Kassen zu verhindern.

Die Reform des Ausgleichssystems soll dies ändern und die dramatische Entwicklung stoppen. Doch nach der Abkehr vom Mindestbeitragssatz enthält der zurechtgestutzte Entwurf als konkrete und rasch wirksame Maßnahme zur Verbesserung der Finanzlage zwischen den Kassen nur noch die Einführung des gemeinsamen Risikopools. Ab 2003 sollen bei chronisch kranken Patienten Behandlungskosten von mehr als 40.000 Mark pro Jahr von allen Kassen aus einem gemeinsamen Topf finanziert werden. Dazu sollen die Kassen ihre Patienten für so genannte Disease-Management-Programme gewinnen. Das sind spezielle Behandlungsprogramme für bis zu sieben weit verbreitete chronische Krankheiten wie Diabetes. Doch auch hier ist fraglich, ob das System funktionieren wird. Kassen müssen ihre Patienten in das Programm einschreiben, Gutachten sind nötig. Kritiker befürchten Missbrauch. Außerdem wird eine Entlastung der Kassen mit vielen "teuren Patienten" - etwa Diabetiker, Krebs- oder Aidskranke - über den Risikostrukturausgleich erst in etwa zwei Jahren spürbar werden. (AP)


Gesetzliche Krankenversicherung  (HNA vom 28. Juni 2001, yhi)

Kassenwechsel kann viel Geld sparen

Viele gesetzlich Krankenversicherte können jetzt durch ein Schlupfloch ihre Krankenkasse wechseln, obwohl Bundesgesundheitsministerin Schmidt den diesjährigen Kündigungstermin zum 30. September für Pflichtversicherte in den gesetzlichen Krankenkassen außer Kraft gesetzt hat. Wechselwillige haben damit die Möglichkeit, den Beitragserhöhungen, die zur Zeit wirksam werden, auszuweichen. Denn das Sonderkündigungsrecht, das jedem Versicherten erlaubt, sich bei einer Beitragssatzerhöhung seiner Kasse eine andere zu suchen, gilt auch weiterhin.

In den kommenden Wochen wird es wegen steigender Kosten zu einer Welle von Beitragssatzerhöhungen bei den gesetzlichen Krankenkassen kommen. Den Anfang machen die Ortskrankenkassen. Somit haben deren Mitglieder die Möglichkeit, bis zum 31. Juli zu kündigen und sich zum 1. September einer günstigeren Krankenkasse anzuschließen. Sämtliche laufenden Behandlungen übernimmt dann ebenfalls die neue Kasse.

Freiwillig Versicherte können in diesem Jahr auch weiterhin und unabhängig von einer Beitragssatzerhöhung ihre Mitgliedschaft binnen zwei Monaten beenden. Beitragsersparnisse von 1000 DM und mehr im Jahr sind keine Seltenheit.

Rentner sind von Beitragserhöhungen nicht unmittelbar betroffen. Die Gesetzgeber hat festgelegt, dass der jeweils am 1. Januar geltende Beitragssatz bis zum 30. Juni des Folgejahres seine Gültigkeit behält. Aber auch hier kann das Sonderkündigungsrecht genutzt werden. Vor einem Wechsel sollten Versicherte jedoch auf mögliche Änderungen bei der neuen Kasse achten.


Beitragsanpassungen in der "Privaten"

Beitragsentwicklung in Prozent bei einzelnen privaten KV-Gesellschaften  in gängigen Volltarifen. Berechnungsgrundlage ist jeweils ein 30-jähriger Mann.
Die Tabelle erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und/oder Richtigkeit! (A=Tarifbeginn).

Gesellschaft Tarif 1991 1992 1993 1994 1995 1996 1997 1998 1999 2000 2001 2002
Alte Oldenb. A90 A   13,34   6,88 7,23   13,22 6,56   8,96 25,01
ARAG 210   A   -8,66   13,94   10,21 11,14     13,53
Axa-Colonia EL         A 1,39 3,23 11,86 11,95 10,67    
Barmenia VC2   A 5,32 5,11 11,43 7,53     10,41 5,20 8,55  
Bay. BeamtenKK A0   A 34,55   8,21 51,93   14,90 1,54   11,05  
BBV A 0   A     15,29   4,95 9,31 6,34 11,64 11,43 11,13
Berlin-Kölnische GS2   A 15,74   17,25 6,61   2,81 16,05 14,61 13,92 7,02
BK-Speziale A1 0   A 19,84   12,52 23,75 16,85   10,42 18,69 1,19 3,53
Central KN 0   A 6,71 10,75 9,21 7,76       6,64   geschl.
Concordia AV 1       A 15,13 5,61   18,90 17,69 7,63 3,23  
Continentale GS1       A   -10,81 5,00 5,51 -11,73   7,50 9,63
DBV-Winterthur 140/20     A 6,26 7,26 16,86   8,31 11,91 19,75   10,16
Debeka PN   A   14,22     11,13     4,64   10,84
Deutscher Ring A 10   A   18,03 7,32 13,04 0,83 2,78 8,53   13,63 0,02
DEVK AM-V0       A     27,61       11,17  
DKV AD1     A 17,07   11,80 5,28 11,64 14,73 13,26 8,71  
Globale A0     A       20,30 20,26     3,58 8,73
Hallesche-Nationale NK100 A   14,20     12,78 16,35   6,42   8,91 13,86
Hanse-Merkur KV 1     A 5,76 9,53   11,38 6,77 10,01 6,16 3,55 10,51
HUK A0     A   11,36   28,36     14,30    
Inter VK 14,12   47,95 24,24   19,96 26,03   9,59   14,80  
LKH 100       A   15,73 12,80   9,50   9,34 4,01
LVM A0 A   -1,20   9,72   3,53 10,23 13,43 16,43 3,60 4,65
Mannheimer VS100 A     16,32 9,58   7,86 23,76   9,13   6,41
Münchener Verein 709   A   22,48   16,82 9,00   16,74 10,35    
Nürnberger A001       A 31,45 8,43     20,77   8,40 10,04
R + V A 100     16,62 1,77   17,40   18,34 7,54 6,72 4,70 3,13
SDK A 100   30,44   18,05   15,07     5,46 2,46 14,87  
Signal A100/SB1   51,44 16,01 9,20 6,29 1,51   16,79 12,61 9,91 3,76 10,86
UKV VA 100       19,27 18,99   16,55 20,14 1,10 8,34   19,35
Universa A100 34,28   7,31 11,04   7,24   29,48 5,40 0,45 7,92 8,91
Vereinte 701   35,90 9,91 13,59   1,57 3,00 12,64 9,54 4,00 11,05 7,94
Victoria AB 01   31,63 10,40     11,30   18,36 10,12 15,27   14,35

Quelle: Morgen & Morgen

Die Beitragsentwicklung in der GKV und der PKV seit 1982.
Hier ist sehr gut erkennbar, dass die "Gesetzliche" schon immer erheblich teurer war.


Quelle: Morgen & Morgen


Gesetzliche Krankenkassen ("Finanztest" 10/2001)

Beiträge heimlich erhöht

Mehrere der bisher sehr günstigen Betriebskrankenkassen (BKK) erhöhen in aller Stille ihre Beitragssätze. Besonders drastisch ist der Preisanstieg zum 1. September bei der BKK Mann + Hummel von bisher 11,2 Prozent auf 12,3 Prozent. Zum selben Termin stiegen die Beiträge der BKK FTE von 11,7 auf 12,4 Prozent und die der BKK Zollern-Alb von 11,9 auf 12,6 Prozent. Zum 1. Oktober zieht auch noch die BKK für Heilberufe nach und hebt die Monatsbeiträge von 11,9 auf 12,4 Prozent an.

Austrittswillige haben nur im Monat der Erhöhung ein Sonderkündigungsrecht. Wer also zum 1. September mehr zahlen soll, kann nur bis zum 30. September kündigen. Die Mitgliedschaft endet dann mit dem 31. Oktober.

Oft erfahren die Versicherten aber erst zu spät, dass der Beitragssatz steigt. Die Kassen sind nämlich nicht verpflichtet, ihre Beitragszahler vorher zu informieren. Kommt die Hiobsbotschaft erst am Monatsende mit der Gehaltsabrechnung, kann es schon zu spät für eine Kündigung sein.

Der Bundesverband der Betriebskrankenkassen kann in diesen Fällen auch nicht weiterhelfen. "Von manchen Änderungen erfahren wir erst aus der Presse", hieß es auf Nachfrage von FINANZtest. Von Beitragssteigerungen Bescheid weiß dagegen immer das Bundesversicherungsamt (BVA) in Bonn, das jede Erhöhung genehmigen muss. Ein Informationssystem für die Bürger gibt es dort allerdings bisher nicht.

Eine positive Überraschung erleben dagegen die Mitglieder der Bonner BKK Moeller. Sie fusioniert zum 1. Oktober mit der BKK Kissing und senkt ihren Beitragssatz von 12,5 auf 11,7 Prozent. Die aus der Fusion entstehende BKK KM ist bundesweit geöffnet.


HNA v. 06.12.2001

GESUNDHEITSREFORM

Bonus soll zum Hausarzt locken

Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) hat erste Eckpunkte für die geplante große Gesundheitsreform nach der Bundestagswahl 2002 vorgelegt. Die Pläne im Einzelnen:

  • Hausarztsystem: Kassenpatienten, die zuerst ihren Hausarzt aufsuchen, sollen geringere Beiträge zahlen als Versicherte, die dies nicht tun. Auch sollen die Hausärzte einen eigenen Tarif abrechnen können.

  • Fortbildung: Anders als bisher sollen Kassenärzte zur Fortbildung verpflichtet werden. Bei Weigerung verlieren sie im Extremfall ihre Zulassung zur Behandlung von Kassenpatienten.

  • Arzneien: Das Arzneiangebot soll auf Kosten und Nutzen durchforstet werden. Bei gleicher Wirkung soll die günstigere Arznei gewählt werden. Unerwünschte Nebenwirkungen von Arzneien sollen systematischer erfasst werden. Auch erwägt Schmidt, Versandapotheken zuzulassen. Die Zuzahlungen der Patienten sollen so geändert werden, dass Arzte weniger Großpackungen verordnen.

  • Versicherungspflichtgrenze: Diese soll möglicherweise erhöht werden. Damit müssten mehr gut Verdienende in den gesetzlichen Kassen bleiben und könnten nicht zu einer privaten Kasse wechseln.

  • Versicherungsfremde Leistungen: Die beitragsfreie Mitversicherung der Mutter oder des Vaters während des Erziehungsurlaubs soll aus Steuergeldern bezahlt werden.

  • Krankenkassen: In Zusammenarbeit mit Privatversicherungen sollen die gesetzlichen Krankenkassen ihren Versicherten günstige Zusatzpolicen etwa für einen besseren Auslandschutz oder Ein- und ZweiBettzimmer anbieten können.

  • Verträge: Das Vertragsmonopol der Kassenärztlichen Vereinigungen soll fallen. Stattdessen sollen auch einzelne Mediziner mit den Kassen Verträge über Leistungen aushandeln und abschließen können.

  • Honorare: Die Kassenärzte sollen stärker über Fallpauschalen vergütet werden, die die Behandlung eines bestimmten Krankheitsbildes abdecken. Dies soll die ,,Flucht in die Menge“ unattraktiv machen.

  • Vorsorge: Versicherte sollen über ,,attraktive Anreize“ angehalten werden, ihre Gesundheit zu schützen.           (dpa)


HNA v. 08.12.2001

GROSSE ARZNEIPACKUNGEN

Kranke sollen mehr zuzahlen

Die Defizite der Krankenkassen zwingen die Gesundheitsministerin zum Handeln. Sie will die Zuzahlungssätze für Arznei ändern. Neue Medikamente sollen einer Kosten-Nutzen-Bewertung unterzogen werden.

BERLIN • Kassenpatienten sollen bei großen Medikamenten-Packungen künftig tiefer in die eigene Tasche greifen. Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt kritisierte am Freitag in Berlin die bestehende Regelung, dass Versicherte acht Mark für eine kleine und zehn Mark für eine große Schachtel zuzahlten. Die SPD-Politikerin sieht hier einen Anreiz zur Verschwendung. Sie könne sich beispielsweise ab 2003 Zuzahlungssätze von sechs und zwölf Mark vorstellen, sagte sie bei der Präsentation eines Gutachtens zum Arzneimittelmarkt. Für chronisch Kranke und sozial Schwache soll es Härtefallregelungen geben.

Nach dem Willen der Gutachter sollen überhöhte Apothekenpreise bald der Vergangenheit angehören. Der Sachverständigenrat im Gesundheitswesen empfahl, die Preisbindung für rezeptfreie Pillen aufzuheben. Es sei nicht einzusehen, dass „Aspirin von Freilassing bis Flensburg den gleichen Preis aufweist“, betonte Gutachter Eberhard Wille.

Die Wissenschaftler wollen Wettbewerb zwischen den Apotheken schaffen. Eine Preisbindung wie in der Apotheke gebe es sonst nur noch im Buchhandel, kritisierte Wille. Schmidt will bereits im kommenden Jahr den bislang untersagten Versandhandel für Arzneimittel in Modellversuchen zulassen.

Schmidt geht davon aus, dass die Maßnahmen den defizitgeplagten Kassen Einsparungen von 2,55 Milliarden Mark einbringen werden. Zusätzlich will sie ab 2002 eine neue Zulassungsregelung für Arzneimittel einführen. Künftig sollen alle im Handel befindlichen Pillen nicht nur auf Sicherheit, sondern auch in Bezug auf ihr Preis-/Leistungsverhältnis bewertet werden. Arzte sollen Empfehlungen erhalten, welches Präparat ein Leiden nicht nur gut, sondern auch kostengünstig behandelt. Damit soll der Markt für so genannte Nachahmer-Produkte ohne therapeutischen Nutzen geschmälert werden.

Kritik kam von Apothekern und Pharmaindustrie. Der Präsident der Deutschen Apothekerverbände, Hans-Günter Friese, sagte, „radikale Wettbewerbsmechanismen würden das Gesundheitswesen in die Versorgungs- und Kostenkatastrophe führen“. (AP/dpa)


GESUNDHEITSREFORM

Schmidt will Wechsel zu Privatkassen erschweren (HNA v. 24.12.2001)

BERLIN ~ Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) will die Hürden für einen Wechsel aus der gesetzlichen Krankenversicherung zu den Privatkassen nach der Bundestagswahl drastisch erhöhen.

Im Rahmen der geplanten Gesundheitsreform soll die Pflichtversicherungsgrenze um mehr als 2000 Mark (1023 Euro) auf 4500 Euro oder 8800 Mark angehoben werden, kündigte Schmidt gegenüber der "Berliner Zeitung" an. Ab 2002 liegt die Grenze bei 3375 Euro (6600 Mark). Nur wer mehr verdient, kann in eine Privatversicherung wechseln. Nicht erhöhen will Schmidt die Zuzahlungen für große Arzneimittelpackungen. Es solle bei einer Zuzahlung von zehn Mark (5,11 Euro) bleiben, sagte die Ministerin der "Bild"-Zeitung. Wenn gleichzeitig die Zuzahlung für kleine Packungen von acht auf fünf Mark (2,56 Euro) sinke, lohne es sich, sparsamer mit Medikamenten umzugehen. Bis Ende April sollen die Eckpunkte der Gesundheitsreform erarbeitet werden.

Bundeswirtschaftsminister Werner Müller (parteilos) empfahl den Bürgern, sich darauf einzustellen, dass sie künftig einen größeren Teil ihres Einkommens für die Gesundheit ausgeben müssten, wenn sie eine "optimale Versorgung" haben wollten.

Persönliche Anmerkung des Webmasters

Die offensichtlich völlig unfähige Frau Schmidt ist sich über die Folgen dieser Maßnahme scheinbar nicht im Klaren: zehntausende von privat versicherten Arbeitnehmern wären zwangsweise wieder in dem sozial völlig un(v)erträglichen Kassensystem versichert. Jeder, der die erheblich besseren Leistungen der PKV beanspruchen konnte, muss dann (wieder) rudimentäre, schlechtere und erheblich teurere Leistungen "genießen". Eine mögliche Folge wäre, dass erstmals seit dem Bestehen der PKV Versicherungsgesellschaften Insolvenz anmelden müssten, da dieser massive Einbruch an Mitgliedern die gesamte Kalkulation durcheinander bringen wird. Die dadurch im Versicherungsmarkt "f